Wer sich wehrt, wird geehrt. Wer sich duckt, wird bespuckt.

Von Oberst Dominik Knill, Präsident SOG. Erschienen in der ASMZ-Ausgabe 10 2022.

Zwei zerstrittene Parteien suchten Rat bei einem weisen Gelehrten. Dieser hörte sich die eine Partei an, überlegte und sagte: «Sie haben recht». Dasselbe bei der anderen Partei: «Sie haben recht». Da wandte sich der Schüler zum Gelehrten: «Sie können doch nicht beiden Parteien recht geben!» Dieser antwortete: «Und auch Sie haben recht».

Im F-35A Beschaffungsprozess glaubten viele Befürworter und Gegnerinnen, das Recht stünde auf ihrer Seite. Letztendlich hat sich das Volk, die Demokratie und die Sicherheitspolitik durchgesetzt. Die SOG begrüsst den vernünftigen und notwendigen Rückzug der «Stop F-35» Initiative durch das links-grüne Komitee. Zu Recht erhält die Luftwaffe nun das beste Kampfflugzeug.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Kriegs in den frühen Neunzigerjahren, fand die viel zitierte Friedensdividende, während der pazifistischen Ferienzeit, viele Abnehmer. Leider nicht dort, wo sie hingehörte, zur Wahrung des Friedens und der Kriegsverhinderung. Es war gesellschaftlich schlicht nicht mehr opportun, sich für eine starke Milizarmee einzusetzen. Mit der Armee XXI Reform setzten sich zunehmend wirtschaftliche Interessen über sicherheitspolitische Anforderungen hinweg. Der Kompetenzerhalt und eine Ausrichtung auf die wahrscheinlichsten Bedrohungsszenarien standen im Vordergrund der Politik und Armeeplaner. Um Kosten einzusparen wurde die Logistik zentralisiert, anstatt auf eine bewährte Kriegslogistik zu setzen. Der Aufwuchs, vor zwanzig Jahren ein strategisches Schlagwort, heute ein geradezu verpöntes Unwort, ist wieder «en vogue». Dieser geplante Aufwuchs über zehn Jahre suggerierte, dass a) es nicht so eilt und b) das jährliche wiederkehrende Gerangel um das Verteidigungsbudget elegant mit a) gerechtfertigt werden konnte. Ein ökonomisches Glanzstück auf Kosten der Verteidigungsbereitschaft. Die Ausrichtung von «Sicherheit durch Kooperation», prominent vertreten im sicherheitspolitischen Bericht 2000, gilt heute mehr denn je.

Die «Rufer in der Wüste», die sich für eine gut ausgerüstete, alimentierte und ausgebildete Verteidigungsarmee einsetzten, wurden als Ewiggestrige und Vertreter von Stahlhelmfraktionen belächelt. In Europa verdrängte eine wohlstandsverwöhnte, postheroische Gesellschaft die Kriegsrhetorik. «Wir kaufen Frieden, nicht Waffen», war die Devise notorischer Armeegegner. Hat nicht funktioniert. Das Geld ist weg und der Krieg zurück – brutal und zerstörerisch.

Die Gesellschaft ist versucht, den europäischen Krieg in der Ukraine wie eine Corona-Pandemie auszusitzen. Zwei Jahre Geduld und viel Geld und schon sind wir zurück in der Quasi-Normalität. Es ist mutig, die Ansicht zu vertreten, dass ein Frieden in Europa, ohne den Einbezug von Russland, eine Illusion bleibt.

Die Neutralität soll keine Gratwanderung sein, sondern eine Strasse mit Leitplanken, zwischen denen wir uns sicherheits- und wirtschaftspolitisch bewegen dürfen. Es darf uns keinen Strick gedreht werden, wenn die Armee enger mit der EU und Nato zusammenarbeiten sollte. Es braucht Überzeugung, die Ausfuhr von Rüstungsmaterial nicht kurzfristigen und opportunistischer Kriterien unter zu ordnen, sondern sich weiterhin am bewährten Kriegsmaterialgesetz zu orientieren.

Die Anzahl der Sicherheits- und Militärexperten steigt in letzter Zeit wie die Energiepreise. Es braucht Überzeugung, den Mainstream-Medien kritisch entgegen zu treten ohne gleich eine Corona-Leugnerin, ein Putin-Versteher oder Klimaschutz-Hetzer zu sein. Es braucht Standfestigkeit, sich nicht von kulturellen und gesellschaftlichen Minderheiten ausgrenzen zu lassen, nur weil man sich dem Sog sprachlicher Verrenkungen und diskriminierender Ansichten entziehen will. Es braucht Entschlossenheit und Überzeugung, jeder Schwächung der Milizarmee entschieden entgegen zu treten. Zu diesen Störfaktoren gehören die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA), ein ausufernder Zivildienst, Gegner und Gegnerinnen einer starken nationalen Rüstungsindustrie sowie die politischen Parteien aus dem links-grünen Spektrum, die die Armee marginalisieren wollen.

Es braucht Zivilcourage, unangenehme Dinge beim Namen zu nennen.

Um die Schweizer Armee schlagkräftig und durchhaltefähig zu machen, benötigt sie in den kommenden knapp 20 Jahren mindestens 40 Milliarden Franken. Ein modernes Dienstpflichtmodell muss die Alimentierung sanieren und nachhaltig garantieren. Der Miteinbezug der Frauen in die Armee muss, notfalls mit einer Verfassungsänderung, gewährleistet sein. Die Abgänge von wehrtauglichen Wehrmännern in den Zivildienst sind entschieden zu reduzieren. Es ist höchste Zeit, die Armee aus der kommunikativen Defensive und den stetigen Rechtfertigungen zu befreien. Seien wir mutig und selbstbewusst im Umgang mit unserer Armee. Die Angehörigen der Armee tragen ihre Uniform mit Stolz. Sie kontern Anfeindungen konsequent und korrigieren Unwahrheiten umgehend. Das Appeasement gegenüber laut und provokativ auftretenden Armeegegnern und -abschafferinnen ist einzustellen. Einem Tiger Steaks zu füttern, in der Hoffnung, er mutiere zum Vegetarier, ist nicht nur reichlich naiv, sondern grobfahrlässig gefährlich.

Es ist die Pflicht und Aufgabe der Offiziersgesellschaften unmissverständlich aufzuzeigen, wo bei den Beschaffungen, der Ausrüstung und Alimentierung grosse Defizite und ein Nachholbedarf bestehen. Dazu gehört, dass fundierte und unbequeme Anträge formuliert werden. Die Umsetzung folgt in Abstimmung mit der Armeeplanung, die Finanzierung gibt der politische Wille vor. Die geopolitischen Entwicklungen werden uns Recht geben.

«Kein Wildwuchs, sondern Aufwuchs – wenn nicht jetzt, wann dann?»

3 Gedanken zu „Wer sich wehrt, wird geehrt. Wer sich duckt, wird bespuckt.

  1. Beda Düggelin

    „Es ist mutig, die Ansicht zu vertreten, dass ein Frieden in Europa, ohne den Einbezug von Russland, eine Illusion bleibt“, schreibt SOG Präsident Knill.
    Diese Botschaft, selbst wenn sie Mut erfordern sollte, ist tatsächlich eine Illusion! Was auch immer in der Ukraine noch geschehen wird, Russland kann auf der Weltkarte nicht zum Verschwinden und auch nicht zum Schweigen gebracht werden.
    Man sollte sich an den früheren FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann erinnern, „Russland einbinden und nicht ausschliessen!“. Wann wird der Westen endlich vernünftig? Die westliche Wirtschaft erfährt seine Sanktionspolitik am eigenen Leibe.
    Zudem ist es schizophren, Russland weiterhin als das böse Ungeheuer darzustellen, wenn der Westen den Krieg gegen Russland bereits gewonnen zu haben glaubt…..

    Antworten
  2. Ernst Lampert

    Es ist höchste Zeit, dass die SOG konkrete Vorschläge zum Wiederauf- und Ausbau unserer kaputt gesparten und – geplanten Armee vorlegt. Sie ist die grösste Milizorganisation mit kompetenten Fachkräften durchsetzt, welche schon lange angehalten ist, bzw. wäre, dem VBS und der Politik an vorderster Front klar und deutlich aufzuzeigen, was die Armee jetzt dringend braucht. Ich bin überzeugt, dass die SOG zu lange nur Zuschauerin der Geschehnisse rund um den Abbau der Armee 61, Armee 95 und Armee XXI war – das jetzige Aufwuchsvorhaben für unsere Armee ist lobenswert, kommt aber reichlich spät, und die dafür notwendige Finanzierung ist keinesfalls gesichert. Zu lange hat der gesamte Bürgerblock Im Parlament geschlafen und sich den Bedürfnissen der Armee nicht angenommen.
    Es ist an der Zeit, das Parlament ENDLICH an ihre Verantwortung gegenüber unserer BV, Art. 58, Abs. 2 zu erinnern!
    Ich hoffe, dass die SOG nun endlich den Mut aufbringt und die im vorliegenden Text von Präsident SOG, Oberst D.Knill, stipulierte Standfestigkeit gegenüber der gesamten Linken dem Tatbeweis unterstellt!

    Mit freundlichen Grüssen

    Ernst Lampert
    Major und Inspektor der Militärmusik a.D.
    Schuldirektor a.D.
    Feldstrasse 11
    8853 Lachen
    055/ 442 30 43
    078/ 637 18 17

    Antworten
  3. Oberstlt i Gst Markus M. Müller

    Die Analyse stimmt in vielen Punkten. Doch der Lösungsansatz kommt dann etwas sehr plakativ daher. Wenn es nur so einfach wäre! Nein, mit nur kosmetischen Änderungen wird das nichts. Es braucht zunächst eine fundamentale Neubeurteilung, angefangen mit einer ehrlichen Bedrohungsanalyse. Dann würden einige der vorgeschlagenen Punkte plötzlich wegfallen und wir kämen zum gleichen Schluss wie einst Div Gustav Däniker: „Wir haben alles richtig gemacht, aber in die falsche Richtung.“

    Antworten

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.