Alle wollen wir Frieden, aber welchen?

Von Oberst Dominik Knill, Präsident SOG. Erschienen in der ASMZ-Ausgabe 11 2022.

Wenn es stimmt, dass es mehr Wahrnehmungen gibt, als Wahrheiten, und dass der Umgang mit der Wahrheit ein erstes Kriegsopfer sein soll, dann trifft beides auf den Krieg in der Ukraine zu. Nicht umsonst sprach Carl von Clausewitz vom Nebel des Krieges. Das sich dieser bald lichtet, ist kurzfristig unwahrscheinlich, es sei denn, der Krieg wird reif für einen Verhandlungsfrieden.

Unsere Gesellschaft ist Opfer der Informationsüberreizung durch omnipräsente Medien. Wir sind quasi «over newsed and under informed». Diese News-Überflutungen führen zu Polarisierung, Stigmatisierung und letztendlich auch Ignoranz am Kriegsgeschehen.

Die Mehrheit der Leserinnen und Leser kann die sicherheitspolitische und menschliche Katastrophe im Kriegsgebiet kaum noch objektiv einordnen. Sie klinken sich aus oder radikalisieren sich. Die Meinungsbildung nimmt zunehmend populistische Züge an. Wird die Bevölkerung auf Lösungen zur Beendigung des Kriegs angesprochen, reagiert sie mit Ohnmacht und Unverständnis.

Je länger der Krieg dauert, desto grösser ist die Gefahr des Fatalismus. Das Vertrauen in eine friedliche und freiheitsliebende Gesellschaft schwindet. Die Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit reduzieren sich auf das Überschaubare und vielleicht Kontrollierbare. Wenn Franz Kafka sagt «Die Welt ist nicht geheizt», spricht er nicht von einer Energiekrise. Es ist das lähmende Gefühl, dass es nur noch im Inneren wohlig warm ist und uns ein kaltes Draussen erwartet.

Die Kristallkugel, aus der einige westliche Militär- und Sicherheitsexperten lesen, ist nicht nur trübe, sie hat bereits Risse. Anstatt eine dünnhäutige Bevölkerung zu beruhigen und ihr einen Ausweg aus dieser sich immer schneller drehenden Krise aufzuzeigen, werden laufend neue Eskalationsszenarien beschrieben. Diese gehen nur in eine Richtung. Friedrich Glasl[1] hat in seinem Eskalationsmodell neun Stufen beschrieben. In den letzten zwei Stufen geht es nicht mehr um den eigentlichen Konflikt, sondern nur noch um die Zerstörung des Gegners resp. gegenseitige Zerstörung. Alles oder nichts. Ein Verlust wird zu einem unheilvollen paradoxen Gewinn, wenn eine Partei weniger verliert als der Gegner. Wird ein militärischer Gewinn dadurch definiert, dass es dazu einen Verlierer braucht, wird Frieden einen schweren Stand haben.

Für Kriegsparteien gibt es verschiedene Frieden. Solange eine Partei glaubt, einen militärischen Sieg erringen zu können, strebt sie einen Siegfrieden an. Insofern wäre ein Verhandlungsfrieden auch ein Verzichtsfrieden. Was am Anfang des Kriegs für Russland galt, gilt nach den erfolgreichen Gegenoffensiven auch für die Ukraine. Der Glaube an einen Sieg rechtfertigt die Abwesenheit am Verhandlungstisch. Somit steigt der Einsatz im Siegpoker. Dank der Unterstützung durch den Westen sieht sich die ukrainische Armee zunehmend auf Augenhöhe mit Russland. Dieser Status macht einen von Russland aufgezwungenen Unterwerfungsfrieden unwahrscheinlicher. Da die Ressourcen Mensch, Material, Munition und finanzielle Mittel nicht unbegrenzt vorhanden sind, steigen die Chancen auf einen Verhandlungsfrieden. Die moralische Hürde, die Opfer am Verhandlungstisch «abzuschreiben», ist auf beiden Seiten zu hoch.

William Zartman[2] beschreibt die «Ripeness» Theorie. Diese besagt, dass für eine Vermittlung, bzw. Verhandlung ein Konflikt zuerst reif sein muss. Diese Reife erfolgt oft erst nach einer längeren Phase eines «mutually hurting stalemate». Eine gegenseitig schmerzende Pattsituation, die nur noch untragbare hohe Kosten verursacht, die Kampfmoral zermürbt und von der Politik, bzw. Gesellschaft nicht mehr getragen wird. Es mag somit paradox klingen, dass gerade die Aussicht für Russland und die Ukraine (mit ihren Unterstützern) einen langen Erschöpfungskrieg führen zu müssen, eine Motivation für einen Verhandlungsfrieden wäre. Sobald eine Verhandlungsoption gehandelt wird, zeigt die Verhandlung ihre hässliche Seite. Der Logik folgend, dass es dabei um ein «Geben und Nehmen» geht, kommt es im Vorfeld der Gespräche vielfach zu einem Aufflammen schonungsloser militärischer Kämpfe. Geländegewinne, strategisch oft unnötig und sinnlos, werden hart erobert, nur um damit ein Verhandlungspfand zu gewinnen. Die Drohungen Russlands und Konsequenzen Androhungen des Westens um einen Atomwaffeneinsatz könnten dieser Logik zugeordnet werden. In diesem Kontext gesehen, gibt es etwas Grund zur Hoffnung, dass der Krieg aus dem Teufelskreis zunehmender Eskalationen ausbricht und reif für Friedensverhandlungen wird. Die grösste Hürde ist ein auszuhandelnder Waffenstillstand auf ukrainischem Territorium. Dieser würde eine de-facto Anerkennung des Landraubs durch Russland bedeuten und ist für die Ukraine kaum akzeptierbar.

Die Crux besteht in der Frage, wie man die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch bringen kann, für einen Frieden jenseits von Sieg und Niederlage, der auf einem verhandelten Interessensausgleich beruht. Oft fehlt es dafür nicht an Vermittlern, sondern an Mächten, die die Kriegsparteien an den Verhandlungstisch bringen können. Ein in sich gelähmter UNO-Sicherheitsrat, eine im Abseits stehende OSZE und eine wohlwollende Schweizer Diplomatie werden dabei Zaungäste bleiben.

Und die Schweizer Armee? Sie darf sich ob all dem Säbelrasseln nicht beirren lassen und muss konsequent nach- und aufrüsten. Es wäre ein grosser Irrtum zu glauben, dass nach dem Ukrainekrieg erneut eine Friedensdividende ausgeschüttet würde.

Zitat
«Wir wollen alle Frieden, aber die Ukraine muss den Frieden wählen, den sie will und der für ihr Volk akzeptabel ist. Nur dann kann es ein dauerhafter Frieden sein.» Mario Draghi

[1] Friedrich Glasl (*1941 in Wien) ist ein österreichischer Ökonom und Konfliktforscher.
[2] William Zartman (*1932) ist ein US-amerikanischer Pionier der Konfliktforschung.

Ein Gedanke zu „Alle wollen wir Frieden, aber welchen?

  1. Beda Düggelin

    Ein sehr guter Beitrag des Präsidenten SOG. Und ein sehr wahres Zitat von Mario Draghi. Wie kann die Ukraine wissen was sie will, wenn ihre Politik und Unabhängigkeit von den USA bestimmt wird? Auch Westeuropa tanzt nach der Pfeife der USA. Die Verluste erleidet aber die ukrainische Bevölkerung, aber dies ist wohl den USA gleichgültig, Hauptsache man kann nach Europa Waffen liefern….!
    Dieser Ukraine Konflikt ist längst zu einem Konflikt zweier Systeme geworden. Die USA werden für einen 3. Weltkrieg verantwortlich sein, sollte er doch noch ausbrechen. Aber vielleicht wacht der greise US-Präsident eines Morgens einfach nicht mehr auf, aufgrund seines fortgeschrittenen Alters….

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