Es gibt mehr Wahrnehmungen als Wahrheiten

Von Oberst Dominik Knill, Präsident SOG. Erschienen in der ASMZ-Ausgabe 12-2021.

Die Initianten der „Stop F-35“ Initiative starten eine Vorkampagne mit zweifelhafter Polemik und fragwürdigen Argumenten. Bleiben wir bei den Fakten.

Während des Zweiten Weltkriegs schickten die Briten zeitweise fast täglich Bomber über den Ärmelkanal. Die Flugzeuge kehrten meist mit vielen Einschusslöchern zurück. Um die Maschinen zu stärken, panzerten die Techniker sie an Stellen mit der grössten Einschusshäufigkeit. Wider Erwarten nützte dies kaum. Der Statistiker Abraham Wald, so die Anekdote, machte darauf einen kontraintuitiven Vorschlag. Panzerung der Stellen mit den wenigsten Einschusslöchern. Seine Überlegung: Maschinen mit sichtbarem Schaden sind wahrscheinlich an harmlosen Stellen getroffen worden, sonst wären sie nicht zurückgekehrt. Die verletzlichen Stellen liegen daher nicht im Sichtbaren. Dieses Verhalten ist bekannt als ‘Surviorship Bias’. Es beschreibt eine kognitive Verzerrung, die zu systematischen Fehlern beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen führt.
Ist es möglich, dass wir mit der Armee versuchen, unsere Sicherheit und Verteidigung dort zu stärken, wo wir glauben, unsere grössten Schwachstellen zu haben. Übersehen wir dabei, dass sich unsere wahre Verwundbarkeit vielleicht dort befindet, wo wir sie uns nicht vorstellen? Sind wir bei der Beurteilung von Gefahren und Bedrohungen gefangen in unseren etablierten Strukturen? Wiegen wir uns nicht in falscher Sicherheit und lassen unkonventionelle Sichtweisen kaum zu?
Mit dem Zielbild 2030+ soll definiert werden, welche (zusätzlichen) Fähigkeiten die Armee der Zukunft besitzen soll. Diese basieren auf Bedrohungen, dass ein Gegner:
a)  so lange wie möglich unerkannt bleiben will und auf Distanz wirkt;
b)  Schwachstellen unseres Staates und der Gesellschaft angreift und nicht primär die Armee;
c)  in allen Operationssphären und -räumen gleichzeitig und koordiniert wirkt;
d) 
den Konflikt auf dem Boden austrägt und ihn uns im urbanisierten Raum aufzwingt.
Der Begriff Hybrid liegt im Trend. Er soll Bedrohungen beschreiben, die sich von einer klassischen Einsatzdoktrin unterscheiden. Oder ist es ein Versuch, das Vorgehen von Russland auf der Krim und in der Ostukraine mit hybrid zu definieren, weil keine andere Form zutrifft. Die Belagerung der polnischen Grenze, mit Flüchtlingen aus Weissrussland, ist eine weitere hybride Drohung und Erpressung an die Adresse der Europäischen Union. Mit Grenzen und Mauern wird versucht, die Migration auf dem Festland zu kontrollieren. Im Wasser und in der Luft gibt es hingegen keine Zäune. Hybride Bedrohungen würden auch vor unseren Grenzen nicht halt machen. Die Armee ist zuständig für das staatliche Gewaltmanagement. Verhinderung von militärischen Konflikten und Verteidigung bei bewaffneten Angriffen.
Die Digitalisierung zwingt uns ein anderes Verständnis von Grenzen auf. Der Cyberraum kennt keine physischen Barrieren. Der Informationsbeschaffung im dreidimensionalen Raum kommt eine zentrale Rolle zu. Technologisch hochstehende Sensoren liefern den Nachrichtendiensten und Führungsorganen präzise Entscheidungsgrundlagen. In der frühen Phase der Mobiltelefonie ging es um das kabelunabhängige Kommunizieren. Heute, mehr als 20 Jahre später, wird der vernetzte Hochleistungssensor «Handy» kaum mehr zum Telefonieren eingesetzt.
Bei modernen Kampfflugzeugen ist eine vergleichbare Tendenz erkennbar. Sie fliegen zwar immer noch und können klassische Einsätze ausführen, für die sie ursprünglich gebaut wurden. Missionen im hoch technologisierten Sensorverbund werden zur Hauptaufgabe. Das Flugzeug übernimmt die Rolle als Integrator im Gesamtsystem Armee. Luftpolizeidienste werden zum
Nebenprodukt – wie das Telefonieren am Handy.
Die Vorkampagne gegen eine Beschaffung des F-35-Kampfjets nimmt bereits Fahrt auf, obwohl die Unterschriften für die Initiative noch fehlen. Das Abstimmungskarussell beginnt zu drehen und mit ihm lauthals vorgebrachten Contra-Argumente und Falschmeldungen. Das linke Bündnis versucht, unschlüssige Stimmbürger und Stimmbürgerinnen zu überzeugen, dass bei einer nachträglichen Wahl eines europäischen Flugzeugs die Initiative «Stop F-35» zurückgezogen und das Budget angepasst würde. Wohlverstanden nach oben. Und wer erklärt dann diese Kehrtwendung den Steuerzahlern und Stimmbürgerinnen? Störmanöver, die das Evaluationsverfahren in Frage stellen, die Preisgestaltung als unglaubwürdig hinstellen, Kompensationsgeschäfte als Farce darstellen und die Abwicklung laufender Armasuisse-Projekte als ungenügend abzukanzeln, kommen regelmässig in die Medien. Die verdeckte Botschaft ist simpel: Das VBS ist nicht einmal in der Lage, moderate Aufträge zeitgerecht und im vorgegebenen Budgetrahmen abzuwickeln, geschweige denn eine F-35-Beschaffung. Bleiben wir standhaft und lassen uns nicht verunsichern. Es gibt viele überzeugende Gründe, warum der F-35A abheben wird. Informieren Sie sich, teilen Sie Ihr Wissen und treten Sie Un- und Halbwahrheiten mit Fakten gegenüber.
Den Fokus nur auf die technischen und taktischen Vorteile des F-35 zu legen, greift zu kurz. Eine starke Luftwaffe ist Teil des Gesamtsystems Armee und dieses muss im Vordergrund stehen. Es dürfte einleuchtend sein, dass null Kampfjet auch null Prozent Offset (Kompensationsgeschäfte) bedeuten und der Wirtschaft dadurch Milliardenaufträge entgehen. Ironischerweise würde sich, nach dem Wegfall einer starken Luftwaffe, das Alimentierungsproblem längerfristig lösen.
Der SOG ist es ein zentrales Anliegen, auf Risiken und Konsequenzen einer geschwächten Armee hinzuweisen. Sie setzt sich für die Beschaffung eines hochmodernen und technisch überzeugenden Kampfflugzeugs ein. Der F-35A erfüllt diese Bedingungen.

«Eine Schlange, die sich nicht mehr häuten kann, geht zugrunde.» Friedrich Nietzsche

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