SOG fordert 70 Kampfflugzeuge

Die Schweizerische Offiziersgesellschaft (SOG) erachtet die Empfehlung der Begleitgruppe zur Expertengruppe «Neues Kampfflugzeug» hinsichtlich der vorgeschlagenen Anzahl benötigter Kampfflugzeuge von noch 30 Flugzeugen als unredlich. Denn mit einer derart geringen Stückzahl ist keine glaubwürdige Grundbereitschaft zur Luftverteidigung mehr möglich. Fahrlässig wird mit dieser Empfehlung in Kauf genommen, dass die Luftwaffe ihren verfassungsmässigen Auftrag nicht mehr erfüllt. 

Im Frühling 2016 hat der Chef VBS, Bundesrat Guy Parmelin, eine interne Expertengruppe beauftragt, um für die Erneuerung der Luftwaffe (Luftwaffe und bodengestützte Luftverteidigung) die nötige Gesamtsicht zu entwickeln. Im vorgestellten Bericht legt die Expertengruppe vier Optionen[1] zur Modernisierung der Luftwaffe und der bodengestützten Luftverteidigung vor. Gleichzeitig wurde eine Begleitgruppe zur Evaluation und Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs eingesetzt. Diese Gruppe hatte den Auftrag, unter Berücksichtigung aller Aspekte, die Fragen und Probleme der Evaluation und Beschaffung eines neuen Kampfflugzeuges in einer frühen Phase von dritter Seite zu beurteilen und damit zu einer umsichtigen und transparenten Vorbereitung eines solchen Beschaffungsprojekts beizutragen.
In der Empfehlungsabstimmung der Begleitgruppe erhielt die zweitbilligste Option 3 sechs Stimmen. Die umfassende Option 1 mit 50 bis 70 Kampfflugzeugen und der Neubeschaffung der bodengestützten Luftverteidigung für mittlere und grössere Reichweite verzeichnete zwei Stimmen. Ebenfalls zwei Stimmen erhielt die Option 2, während die billigste Option 4 noch eine Stimme erhielt.

Mindestens 70 Kampfflugzeuge
Die SOG ist der Überzeugung, dass nur die Variante mit mindestens 70 Kampfflugzeuge der Armee ermöglicht, den verfassungsmässigen Auftrag des Schutzes und der Verteidigung des Landes und der Bevölkerung auch in der Luft sicherzustellen.
Alle anderen dargelegten Varianten gehen nicht von der Bedrohungslage und dem entsprechenden Bedarf an Kampfflugzeugen aus, sondern stellen einen untauglichen Sparversuch dar. Die SOG erachtet sie als unehrlich, denn sie hätten zur Folge, dass die Schweiz sich im Ereignisfall von Beginn weg mit Bündnispartnern zusammenschliessen müsste und Schutzleistungen für die Schweiz – sofern überhaupt vereinbar – von anderen Ländern erbracht werden müssten. So würden wichtige Aufgaben der Schweizer Luftwaffe wie etwa Luftverteidigung, Erdkampf und Aufklärung verunmöglicht, was nicht verfassungskonform wäre. Eine Beschränkung auf den Luftpolizeidienst reicht keineswegs. Luftpolizeidienst ist nicht die Raison d’être der Luftwaffe, sondern eine niederschwellige Aufgabe neben anderen, für die allein Mehrzweck-Kampfflugzeuge einen überrissenen Ansatz darstellen.

Politik muss Finanzierung sicherstellen
Die SOG fordert darum, dass ausschliesslich die Variante mit 70 Kampfflugzeugen weiterverfolgt wird. Bundesrat, National- und Ständerat sind in der Pflicht, die dafür notwendigen Finanzen bereitzustellen. Gleichzeitig ist die inzwischen veraltete, bodengestützte Luftverteidigung rasch zu ersetzen. Auch hier muss die Politik – parallel zur Kampfflugzeugbeschaffung – für ausreichende finanzielle Mittel sorgen. Nur so kann das Gesamtsystem Armee den verfassungsmässigen Auftrag der Verteidigung der Schweiz tatsächlich glaubwürdig erfüllen.


[1] Option 1: Ersatz der heutigen Kampfflugzeugflotte durch rund 55 bis 70 Kampfflugzeuge und eine umfassende Erneuerung und Leistungssteigerung auf Seiten der bodengestützten Luftverteidigung, Finanzbedarf: ca. CHF 15-18 Mia.;
Option 2: Ersatz der heutigen Kampfflugzeugflotte durch rund 40 moderne Mehrzweckkampfflugzeuge und Erneuerung der bodengestützten Luftverteidigung, Finanzbedarf: ca. CHF 9 Mia.;
Option 3: Ersatz der heutigen Kampfflugzeugflotte durch rund 30 neue Kampfflugzeuge und eine erhebliche Leistungssteigerung auf Seiten der bodengestützten Luftverteidigung, Finanzbedarf: ca. CHF 8-8.5 Mia.;
Option 4: Beschaffung von rund 20 neuen Kampfflugzeugen bei gleichzeitigem Weiterbetrieb der F/A-18-Flotte und Erneuerung der Mittel der bodengestützten Luftverteidigung, Finanzbedarf: CHF ca. 5 Mia..


Kontakt
Oberst i Gst Stefan Holenstein, Präsident, +41 79 241 59 57 (d, f)
Oberst i Gst Marcus B. Graf, Vizepräsident, +41 79 670 86 16 (d)
Oberstlt i Gst Yannick Buttet, Vizepräsident, +41 79 260 52 64 (f)
Oberstlt Stefano Giedemann, Vizepräsident, +41 79 239 58 82 (i)
Maj Daniel Slongo, Generalsekretär, +41 79 658 69 47 (d, f)

2 Gedanken zu „SOG fordert 70 Kampfflugzeuge

  1. Beda Düggelin

    Die SOG liegt absolut richtig. Es ist unverständlich, dass vier Varianten zur Auswahl vorliegen, denn es gibt nur die Variante mit 70 Kampfflugzeugen, alles andere ist Flickwerk und nicht glaubnwürdig. Und das reiche Land Schweiz muss sich 70 Kampfflugzeuge leisten können.
    Nun wird man im freundeidgenössischen Kompromiss wieder auf eine Schmalspurvariante einbiegen. Die WEA hat ja dazu längst das Terrain geebnet und da hat die SOG leider nicht opponiert!

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  2. Willi Vollenweider

    Ich stimme dieser Stellungnahme der SOG grundsätzlich zu.
    Die Luftverteidigung hat selbstverständlich aus Sicht des Volkes implizit den klaren Auftrag, die Luftüberlegenheit über der Schweiz zumindest für mehrere Wochen in einem grösseren Konflikt mit eigenen Mitteln sicherzustellen. Die Armee ist die «Versicherung» gegen Grossrisiken und nicht gegen Bagatell-Fälle. Den Auftrag nur teilweise oder ohne Durchhaltfähigkeit zu erfüllen ist sinnlos und eine Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen. 70 oder mehr neue Kampfflugzeuge auf den beiden verbliebenen Kriegsflugplätzen Meiringen und Payerne zu massieren, lässt sich militärisch/taktisch nicht vertreten. Wer 70 oder mehr neue Kampfflugzeuge will, muss konsequent sein und auch die Anzahl der Kriegsflugplätze wieder erhöhen. Ich fordere die Reaktivierung mindestens zweier Militärflugplätze, beispielsweise Buochs und einer im Wallis (Raron oder Turtmann). Dies wäre zu überschaubaren Kosten zu machen.
    Wir dürfen aber die seit 2016 erstarrten tendenziell armeefeindlichen Haltungen einer Mehrheit unserer Bundespolitiker nicht ausser Acht lassen (viele Worte ja, Taten nein).
    Der Grundsatzentscheid, ob die Schweiz eine glaubwürdige Luftwaffe (und Armee) aufrechterhalten soll oder nicht, ist vor einem Jahr vom Parlament mit Akklamation aller bürgerlichen Parteien im negativen Sinn gefällt worden (WEA, 14.069). Mit dem «Stationierungskonzept» der WEA verbleiben wie erwähnt nur noch zwei Kriegsflugplätze. Für eine «anständige» Anzahl neuer Kampfflugzeuge sind somit gar nicht genügend geschützte Abstellplätze vorhanden. Schon gar nicht solange die F/A-18 noch da sind.
    Unsere Luftwaffe hat sich mit dem letztjährigen Armeehalbierungs-Parlamentsentscheid, der notabene von allen höheren Stabsoffizieren im VBS und von der SOG vorbehaltlos unterstützt worden war, quasi selber abgeschafft und sich oppositionslos im «Armee-Organigramm» zu einer Art «Fluggruppe» ohne ernstzunehmende Mission herabstufen lassen. Es geht seither realistisch betrachtet nur noch um die Aufrechterhaltung selektiver Piloten-Fähigkeiten, wie derjenigen des Luftkampfes (Aufklärung und Erdkampf sind ja schon seit längerem durch die Politik ausgemustert worden). Zum Training der Piloten genügen ganz wenige Flugzeuge. Dazu reichen im Szenario 4 auch die zwei verbliebenen Flugplätze aus. Der eine spielt «Rot», der andere «Blau».
    Man kann eben nicht die Infrastrukturen liquidieren und so tun als seien diese noch vorhanden. Eine zu ambitiöse Beschaffungs-Vorlage wird (leider) vor dem Volk scheitern wenn nicht endlich allgemein verständlich und exakt kommuniziert wird, was der genaue Verteidigungs- und Schutzauftrag unserer Luftverteidigung im Konfliktfall sein soll (was, womit, wie lange, mit welcher Erfolgsaussicht).
    Die militärnahen Kreise in der Schweiz haben es leider vor einem Jahr verpasst, damals der Bundespolitik die «rote Karte» zu zeigen und die Abwärtsspirale unserer Landesverteidigung rechtzeitig zu stoppen. Auch wenn ich die Stellungnahme der SOG sehr begrüsse, wird es äusserst schwierig und arbeitsintensiv sein, die Bundespolitik jetzt wieder umzustimmen und neu für eine glaubwürdige Landesverteidigung zu «begeistern».

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